Es scheint mitunter erstaunlich, wie Chemie positiven Einfluss auf unsere Gefühlswelt nehmen kann. Wie können Medikamente unsere Psyche beeinflussen?
Die exorbitant fortschreitenden wissenschaftlichen Bemühungen der Neurowissenschaften gewähren uns tiefe Einblicke in die Funktionsweise unseres Gehirns und wie bestimmte Botenstoffe an der Signalübertragung beteiligt sind, wenn wir spezifische Gefühle erleben. Hinzu kommen klinische Studien, welche in der Mehrzahl die Auffassung stützen, dass spezielle Medikamente fähig sind, auf unsere Gefühlswelt Einfluss zu nehmen.
Antidepressiva sind die chemischen Mittel, die Angstgefühle und auch Panikattacken reduzieren können. Ursprünglich wurden diese Medikamente gegen Depressionen entwickelt, doch bald stellte sich heraus, dass sie auch bei Angststörungen ihre positive Wirkung entfalten.
Hat sich eine Panikstörung erst einmal über einen längeren Zeitraum von Monaten oder sogar Jahren ihren Weg im Gehirn gebahnt, dann verschwinden die Beschwerden nicht mehr von allein. Dass es zu einer spontanen langfristigen Besserung kommt, ist also eher die Ausnahme und nicht die Regel.
Von daher sollten Sie sich darauf einstellen, selbst aktiv zu werden, sich gut zu informieren und vorhandene Therapiemöglichkeiten auszuloten. Eine Möglichkeit zur Linderung Ihrer Beschwerden sind Antidepressiva. Da diese Medikamente über einen längeren Zeitraum eingenommen werden sollten, ist es ratsam, sie von einem Facharzt für Psychiatrie verordnen zu lassen. Er ist mit Ihrem Krankheitsbild gut vertraut.
Man unterscheidet bei den Antidepressiva drei verschiedene Medikamentengruppen voneinander:
1. die MAO-Hemmer
2. die trizyklischen Antidepressiva und
3. die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer.
Die dritte Gruppe wird auch „Prozac“ oder SSRI genannt. Alle drei Medikamentengruppen fördern, nur auf unterschiedliche Art und Weise, dass im Gehirn mehr von dem Nervenbotenstoff Serotonin zur Verfügung steht.
Medikamente, die zur Gruppe der SSRI gehören, werden gegenwärtig am häufigsten verordnet.
Sie senken nach einer längeren Einnahme das Erregungsniveau im Nervensystem. Stoffe, die dies bewirken, sind beispielsweise Citalopram, Paroxitin oder Sertralin. Ein ähnliches Wirkungsspektrum wie die SSRI haben die sog. Selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSNRI), deren Wirkstoff z. B. Venlafaxin ist.
Serotonin – Der Botenstoff, aus dem die guten Gefühle sind
Serotonin ist ein Hormon, welches an verschiedenen Orten des Körpers existiert: im Darm, in der Lunge, den Blutplättchen und im Gehirn. Es wirkt auf die Muskulatur der Lunge und der Blutgefäße und reguliert den Blutdruck.
Im Gehirn arbeitet Serotonin als Botenstoff bei der Nervenübertragung. Insbesondere Gefühle und Emotionen – einschließlich Ängsten – werden durch den Serotonin-Haushalt reguliert. Bei Depressionen und Angststörungen fehlt es an diesem wichtigen Botenstoff (Serotonin-Mangel-Hypothese). Demgegenüber erhöhen Antidepressiva die Menge des verfügbaren Serotonins im Nervensystem.
Auch wenn die Wissenschaftler noch rege darüber diskutieren, wie der Mangel des Nervenbotenstoffes Serotonin bei Ängsten und Depressionen genau zustande kommt, zeigt sich, dass viele Patienten eine positive Wirkung durch die Einnahme dieser Medikamente verspüren.
Doch um die erwünschte Wirkung zu erreichen, müssen Antidepressiva über einen längeren Zeitraum regelmäßig und in der richtigen Dosierung eingenommen werden. Am Anfang wird die Dosis langsam gesteigert, bis sich die gewünschte therapeutische Wirkung einstellt. Man nennt dies auch: das Medikament einschleichen.
Nicht immer ist es einfach, das passende Medikament und die optimale Dosierung auszuloten. Man braucht etwas Geduld, bis das richtige Medikament gefunden ist und die gewünschte Wirkung einsetzt. Bis sich eine spürbare Wirkung zeigt, sind drei Wochen durchaus realistisch.
Gerade zu Beginn der Einnahme kann es zu Nebenwirkungen kommen, wie beispielsweise Mundtrockenheit, Übelkeit, Schwierigkeiten beim Wasser lassen oder sexuellen Störungen. In dieser Zeit fragen sich nicht wenige Patienten, ob es sich wirklich lohnt, diese Nachteile in Kauf zu nehmen und geben deshalb zu früh auf. Meine Erfahrung ist, dass die fehlende Vertrauensbeziehung zum Arzt oft an dieser Entscheidung beteiligt ist.
Lassen Sie sich von Ihrem Arzt vor der Einnahme gründlich aufklären und verabreden Sie einen zeitnahen Termin, um eventuelle
Nebenwirkungen abklären zu lassen. Gerade Patienten mit Angstattacken reagieren besonders empfindlich, wenn Sie Anzeichen von Nebenwirkungen spüren.
Während der Einnahme ist es empfehlenswert, regelmäßige Kontrollen des Blutbildes vornehmen zu lassen, denn Medikamente können die Leber, unser Entgiftungsorgan, belasten. Die Nebenwirkungen können nach einer gewissen Zeit der Einnahme zurückgehen, weil der Körper das Medikament besser toleriert.
Wie Serotonin im Nervensystem übertragen wird
Die Signalübertragung im Nervensystem
Alle Informationen, die wir über unsere Sinnesorgane von der Außenwelt aufnehmen und auch solche, die wir aus unserem Körper empfangen, werden über das Nervensystem zu den entsprechenden Hirnregionen geleitet. Um diese anspruchsvolle Aufgabe zu gewährleisten, verfügen wir über schätzungsweise 100 Milliarden Nervenzellen.
Jede Nervenzelle ist mit bis zu 10.000 anderen Nervenzellen durch Kontaktstellen (synaptische Verbindungen) verbunden, um miteinander kommunizieren zu können. Die Übermittlung der Nervenimpulse bezeichnet man auch als Signalübertragung.
Sie geschieht auf zwei Wegen: Die elektrische Signalübertragung kann man sich ganz vereinfacht wie das Stromkabel einer Nervenzelle vorstellen. Zwischen benachbarten Nervenzellen findet die Signalweiterleitung auf chemischem Weg statt. Wie zwei Sprachen, deren Codes vollkommen deckungsgleich sind, verhalten sich die elektrischen und chemischen Signale zueinander. Die eigentliche Information verändert sich nicht.
Um den Vorgang der Signalübermittlung leichter verstehen zu können, stellen wir uns zwei Nervenzellen vor: Eine Senderzelle und eine Empfängerzelle. Das elektrische Signal der Senderzelle fließt, bis es zu seiner eigenen Kontaktstelle (Synapse) gelangt, wo es nun in ein chemisches Signal übersetzt wird. Hier befinden sich kleine Bläschen (Vesikel), in denen die Empfängerzelle ihren Vorrat an Botenstoffen speichert.
Handelt es sich bei dem Botenstoff um Serotonin, veranlasst das elektrische Signal, dass das gespeicherte Serotonin freigesetzt wird. Die Serotonin-Botenstoffe wandern durch einen kleinen Spalt zur Membran der nächsten empfangenden Nervenzelle, wo sie andocken können. Wie der richtige Schlüssel ein Schloss öffnet, genauso passt ein bestimmter Botenstoff an die ihm entsprechenden Andockstellen (Rezeptoren) der Empfängerzelle.
Durch diese Passung wird die nächste Nervenzelle erregt, um ihrerseits die Information an andere Nervenzellen weiterzugeben. Dazu übersetzt sie das chemische Signal wieder in ein elektrisches Signal. Nachdem diese Aufgabe erledigt ist – d. h. die Senderzelle hat ihre Aktivität eingestellt – wird der Botenstoff normalerweise wieder aufgenommen.
Antidepressiva, aus der Gruppe der SSRI, verhindern genau diesen Vorgang, was darauf hinaus läuft, dass mehr Serotonin im Spalt zwischen der Sender- und Empfängerzelle verbleibt. Der erwünschte Effekt ist, dass die Weiterleitung der elektrischen Erregung an der Empfängerzelle gefördert wird.